„Reparatur der Welt“ von Magdalena Erich

Aktualisiert: März 24


Seid ihr schon jemals einem Wolf in freier Wildbahn begegnet? Ich hatte dieses Riesenglück, als ich in Kanada in einem Wolfsprojekt gearbeitet habe.

Wir waren tief im Dickicht unterwegs, weit abseits jeglicher Zivilisation, in einer Gegend, in der vermutlich schon seit Urzeiten kein Mensch mehr gewesen war. Ich war von den Sträuchern schon ganz zerkratzt und umgeben von Mosquito-Wolken, als wir plötzlich am Rande eines Weihers standen und da…am anderen Ufer, ca. 20m von uns entfernt, da standen sie. 3 weiße Wölfe, einfach nur wunderschön und zauberhaft. Sie sahen uns ganz direkt an, neugierig und still und ich sagte ganz ergeben: „Hello Wolves“. Im nächsten Augenblick waren sie wieder verschwunden. Wir standen da, die Zeit stand still, ich fühlte eine tiefe Verbindung zwischen mir und diesen faszinierenden, hoch-sozialen und intelligenten Geschöpfen. Und inmitten dieser Stille war eine intensive Freude. Sie signalisierten uns, dass sie ganz genau spürten, dass wir in friedlicher Mission unterwegs waren. Alles, was wir in die Welt hinaustragen, kommt zu uns zurück, so meine ich. Aus diesem Grund trage ich auch niemals eine Waffe oder ähnliches mit mir, wenn ich in der Wildnis unterwegs bin, ich fühle mich dort wohl und mir ist noch nie etwas passiert. Wölfe zeigen sich dir eigentlich nur, wenn sie dir etwas sagen wollen, sagt ein altes Indianersprichwort. Im Nachhinein vermuteten wir anhand anderer Daten, dass sie einen Wolfsbau in der Nähe hatten und uns vielleicht Bescheid geben wollten: hier ist unsere Welt.

Das Letzte was wir wollten war es, sie zu stressen. Und so kehrten wir ganz selbstverständlich wieder um.

Alles was wir den Tieren und der Natur antun, wird irgendwann auf uns zurückfallen. Wir alle bekommen das jetzt gerade ganz direkt zu spüren: die Corona-Pandemie hat die ganze Welt, hat uns alle fest im Griff.

Wir nehmen den Wildtieren immer mehr Raum weg, roden Wälder, versiegeln Lebensräume, bauen Straßen und regulieren Flüsse. Wir erschaffen unfassbar heillose, riesige Nutztierfabriken, deren Anblick keiner von uns aushalten würde.

Und so passiert es, dass immer häufiger Zoonosen entstehen, die von Tier zu Mensch und von Mensch zu Tier übertragen werden, weil wir immer näher in den Lebensraum der Wildtiere eindringen und auf riesigen Tiermärkten die Wildtiere halb roh verspeist werden. Aber auch, weil wir die Nutztiere wie in Fabriken halten, Welten entfernt von artgerechter Haltung.

Aber ehrlich gesagt geht es mir nicht nur um unseretwillen, sondern um ihretwillen.

Die Erde, die Meere, die Flüsse und die Wälder gehören uns nicht. Das Zeitalter des Menschen als Krone der Schöpfung ist vorbei. Wir selbst sind neugierige, innovative Geschöpfe mit einem moralischen Gespür. Ich finde, es ist an der Zeit, die Dinge zu ändern und wir wissen sogar, wie.

Österreich ist zu 48% mit Wald bedeckt und somit eines der waldreichsten Länder in Europa mit einer extrem hohen Wildtierdichte. Diese hohe Dichte an Rehwild und Rotwild bringt vor allem über den Verbiss, das Schälen und das Abbeißen junger Triebe große Schäden für die Wälder mit sich. Früher erfolgte die Regulierung des Schalenwilds durch Beutegreifer wie etwa Wolf oder Luchs oder durch die begrenzte Verfügbarkeit von Nahrung, Krankheit oder extreme Winterbedingungen. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Beutegreifer ausgerottet und die jagdliche Nutzung gewann an Bedeutung. Durch Fütterungen konnte mehr Wild überleben, gleichzeitig verringerte sich der Druck durch Beutegreifer.

Wölfe sind uns sehr ähnlich: sie sind hoch-sozial und leben in Familienverbänden. Sie kümmern sich liebevoll um ihren Nachwuchs und um ihre Alten und Kranken. Sie sind klug, neugierig und äußerst anpassungsfähig. Eigentlich spiegeln sie die guten Seiten in uns wider, nicht wahr?

Wölfe fungieren außerdem als Gesundheitspolizei. Sie fokussieren auf altes, krankes und schwaches Wild und verhindern so die Ausbreitung von Krankheiten wie der Tuberkulose. Die Wälder können sich erholen, der Wildbestand bleibt gesund und in einer angemessener Populationsgröße.

Eine sogenannte Schlüssel-Tierart einfach auszurotten fällt auf uns zurück. Bleibt die Natur gesund, bleiben wir auch gesund. Wir können von unseren Nachbarländern lernen: ein Nebeneinander von Bären, Wölfen und Luchsen mit uns Menschen ist möglich. Setzen wir alles daran, damit es auch bei uns funktioniert und bauen und finanzieren wir ein effektives Herdenschutz-System auf mit Behirtung, Herdenschutzhunden, Elektrozäunen.

Ich weiß, dass es geht. Ich habe es selbst in der Schweiz und in Rumänien erlebt. Ich

wünsche mir so sehr, dass wir das schaffen, auch um unseretwillen.


Mag.a Magdalena Erich, Wildbiologin

März 2021

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