"Schmetterding" von Monika Maurer

Aktualisiert: Feb 1




„Ich fühl mich schwer wie Blütenstaub“, sagte der Schmetterling zu seinem Freund, dem Heuschreck.


„Aber du bist doch ganz leicht und schön, lieber Schmetterling, vielleicht bist du schon zu leicht? Wann hast du das letzte Mal was gegessen?“, fragte der Heuschreck den Schmetterling.


„Gestern ...“, antwortete der Schmetterling mit schwacher Stimme und kämpfte gegen einen Windhauch an.


Der Heuschreck bot dem Schmetterling einen Platz an unter den großen schützenden Blättern der Dotterblume.


„Sag, würdest du mit mir den Honig kosten wollen, den ich letztens von Frau Sperrholz bekommen habe?“


Der Schmetterling presste seine samtenen Lippen aufeinander und schüttelte sein Köpfchen. Gut, dachte sich der Heuschreck, der Appetit kommt mit dem Essen und öffnete das große Glas Honig, das nach Spätsommer und Morgentau roch. Der Heuschreck legte saftige Brotkrümel auf kleine Teller und begann den köstlich tropfenden Honig auf das Brot zu streichen.


„Wie gut der duftet“, murmelte der Heuschreck.


Der Schmetterling sah mit großen Augen zu. Er hätte gern was gegessen, doch in letzter Zeit hatte er kaum noch Appetit.


Der Heuschreck wusste, dass sein Freund, der Schmetterling, nicht glücklich war, er machte sich Sorgen.


„Lieber Schmetterling, komm lehn dich ein wenig bei mir an, ich will dir eine Geschichte erzählen:


Es war einmal ein kleines Mädchen, es wohnte in einem schönen Haus. Leider waren nach und nach all seine Freunde in andere Länder und Welten fortgegangen. Große Einsamkeit legte sich über das Haus und das Mädchen, es konnte sich nicht mehr freuen über den Garten, über die Rosen und die Frösche, die im Teich quakten. Es dachte an all die rauschende Feste, die früher mal in seinem Haus stattgefunden hatten und wurde noch einsamer. Die Tage vergingen, der Briefkasten blieb leer. Das Mädchen sprach kaum noch und das Lachen war schon lang nicht mehr zu Gast. Eines Nachmittags saß es auf dem schiefen Apfelbaum im Garten, ein Marienkäfer setzte sich auf seine Hose und sagte guten Tag. Das Mädchen fing an zu erzählen, von seinem Leben, von seinen Freunden und von der Traurigkeit, die anstatt der Feste und Freunde nun in das Haus eingezogen war. Der Marienkäfer schüttelte seine Punkte und sagte dem Mädchen, dass es doch wieder jemanden einladen sollte in sein Haus. Das Mädchen kannte niemanden mehr. Warum kochst du nicht ein ganz besonderes Essen und bist dir selbst dein Gast? Das Mädchen schüttelte traurig den Kopf. Es wollte nicht für sich allein kochen. Am Abend blätterte das Mädchen ein altes Kochbuch mit vielen köstlichen Rezepten durch und es wurde furchtbar hungrig. Es stellte ein fünfgängiges Menü zusammen und am Morgen darauf fing es an zu pflücken, zu schneiden, zu hobeln. Kräuter, Kirschen, Nüsse, Himbeeren, alles, was es in dem herrlichen Garten finden konnte. Stundenlang war es am Werken. Der Tisch war schön gedeckt und das Mädchen begann zu speisen, es schmeckte vorzüglich. Da merkte es, dass am Tellerrand der Marienkäfer Platz genommen hatte und lächelnd fragte: Sag mir, ob die Bienen zu Besuch kommen dürfen, sie seien durch den süßen Duft der Mehlspeisen angelockt. Auch die Frösche haben mich gefragt, ob sie etwas von dem köstlichen Fliegensorbet haben könnten, die Schildkröte hätte Interesse am Salatbuffet und der Esel von gegenüber möchte gern ein Stück von der Karottentorte. Das Mädchen freute sich und alsbald war der Tisch voller Gäste. Sie schmausten, schmatzten und redeten bis spät in die Nacht. Es war einer der schönsten Abende. Am nächsten Morgen kam der Marienkäfer wieder und setzte sich aufs Fensterbrett. Sieh her, kleines Mädchen, die Bienen haben dir ein großes Glas Honig gebracht. Das Mädchen öffnete den Honig, nahm einen Finger voll in den Mund und grinste.“


Der Heuschreck war fertig mit seiner Geschichte. Der Schmetterling griff nach dem größten Krümel Brot mit Honig, schob ihn in den Mund und schmatzte.


© Monika Maurer, unveröffentlicht


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