Widerstandsfähigkeit ist mehr!

Aktualisiert: 21. Feb.


Die zweifache Verkürzung des Resilienz-Begriffes

Das Telefon klingelt: „Würden Sie bei uns im Unternehmen ein Resilienz-Seminar durchführen?“ – „Was verstehen Sie denn unter Resilienz?“ - „Nun, unsere Mitarbeiter*innen stehen unter großem Druck. Alles muss schneller gehen. Die Arbeit wird immer dichter. Sie sollen das besser aushalten.“

Viel zu oft trifft man immer noch auf diese – erste – Verkürzung des Resilienz-Begriffs: Die Belastbarkeit der Mitarbeiter*innen soll erhöht werden. Sie sollen dem Druck noch besser nachgeben, noch flexibler werden. Doch damit ist nur die Hälfte dessen gemeint, was Resilienz bedeutet. Betrachtet man seine Wortbedeutung im Lateinischen, dann bedeutet „resilire“: zurückspringen. Es geht also nicht nur – um zwei Bilder zu verwenden – darum, dass sich der Grashalm im Sturm noch mehr beugen kann, bevor er bricht, oder dass der Kotflügel noch verbiegbarer ist, bevor er von der Karosserie abfällt.

Es geht in der Resilienz auch – vornehmlich - um den Halm, der sich wieder aufrichtet, oder um die Beule im Blech, die wieder zurückspringt. Es geht um den*die Mitarbeiter*in, der*die wieder Gelegenheit findet, durchzuatmen, mal zum Nachdenken, vielleicht auch spüren zu kommen, sich innerlich und äußerlich wieder aufzurichten. Und das nicht in verzweckter Weise, um dann wieder besser funktionieren zu können. Sondern weil es human ist!

Dies bedarf aber nicht nur individueller Kompetenzen und Fähigkeiten (Zeitmanagement, Entspannungsübungen), sondern auch organisatorischer Rahmenbedingungen, die dies ermöglichen. Um das Bild vom Halm aufzugreifen: Es geht nicht nur darum, dass der Halm sich wieder aufrichten kann – er muss auch die Gelegenheit dazu bekommen. Der Sturm muss aufhören.

Eine zweite Verkürzung des Resilienz-Begriffs liegt meines Erachtens vor, wenn wir Resilienz als eine Eigenschaft von Menschen verstehen, also deren Belastbarkeit, Ausdauer, Flexibilität, Selbstsorgefähigkeit usw. Ich möchte Resilienz auch als eine Tätigkeit sehen: nicht nur widerstandsfähig sein, sondern auch Widerstand leisten. Da wo Un- oder Übermenschliches, Krankmachendes von einem*r verlangt wird, „Nein“ sagen, sich beschweren, selbstbewusst auftreten, Überlastungsanzeigen stellen, sich mit anderen solidarisieren, den Betriebsrat einbinden, sich gewerkschaftlich engagieren u.a.m.

Neulich meinte ein Kollege: „Wenn sich die Wirtschaftswelt einen sozialwissenschaftlichen Begriff zu eigen macht, muss immer darauf geachtet werden, ob keine Verkürzung vorgenommen wurde.“ Ich habe den Eindruck gewonnen, dass dies beim Resilienz-Begriff (zu) oft der Fall ist. Er sollte von seinen Verkürzungen befreit werden.

Ach ja: Der Anrufer vom Beginn dieses Textes beharrte auf sein Resilienz-Verständnis. Er musste sich eine*n andere*n Trainer*in suchen.


Hubert Klingenberger


Hubert Klingenberger


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